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Sonntag, 13. Oktober 2013

Furcht hat mir viel geholfen

Wenn Mut der Ausweg ist... Foto: Janusz Klosowski/Pixelio

Furcht hat mir viel geholfen, bloße Furcht
vor Folgen, die ich nicht ertragen hätte,
die weiße Angst vor Aussatz und Gebrest.

Und jene andre Furcht, die Furcht vor Furcht,
die Angst vor Angst, die dich an keiner Stätte
verweilen und nur - Mut als Ausweg lässt.


Christian Morgenstern


Mittwoch, 25. September 2013

Dein Wunsch, nicht mehr zu leiden

Dein Wunsch, nicht mehr zu leiden kann Wahrheit werden: Trauerkleid ablegen und Lichtgestalt werden.
Foto: Heike / Pixelio



Dein Wunsch, nicht mehr zu leiden,
ach, schafft nur neues Leid.
So wirst du niemals scheiden
von deinem Trauerkleid.

Du musst es ganz abtragen,
bis auf das letzte Haar,
und einst nur dessen klagen:
dass es nicht dichter war.

Ganz nackend musst du werden
zuletzt, weil es zerfallt
in seinen Stoff aus Erden
von deines Geists Gewalt.

Ganz nackend einst entschreiten,
allein von Licht umfacht,
zu neuen Ort' und Zeiten,
zu neuer Trauertracht - -

Bis du, aus hundert Larven,
ein Gott, so stark, entspringst,
dass du zu Sphärenharfen
die eigne Schöpfung singst. 


Christian Morgenstern

Dienstag, 27. August 2013

Bin Spiegelbild von Deinem Sein

Spiegelbild von deinem Sein. Foto: Karin Schmidt / Pixelio


Gott

Der Du nicht Stein bist, doch des Steines Kraft,
Die Kern und Schale hält in enger Haft.
Der Du nicht Rose bist, doch ihre Pracht,
Ihr Duft, ihr Auge, das zur Sonne lacht.
Der Du nicht Eiche bist, doch wohl ihr Mark,
Der Stolz, der aus ihr athmet, lebensstark.
Die Welt ist nichts als Form, in der Du prägst,
Ist nichts als die Gewandung, die Du trägst.
Ist nichts als Spiegelbild von Deinem Sein;
Nur Du bist Wahrheit, doch das Bild ist Schein.

Dienstag, 19. Februar 2013

Das Geben und Nehmen - Der römische Brunnen


Verschiedene Fassungen des Gedichtes "Römischer Brunnen" zeigen die innige Verbindung von Conrad Ferdinand Meyer zu der inneren Symbolik dieses Brunnens. Das Geben und Nehmen, die Ruhe und das Strömen, sind in allen fünf Fassungen deutlich und erleben in den 22 Jahren bis zur letztlichen Fassung Wachstum und Reife, die das Herz weitet und kultiviert. (sfr)


 
Der römische Brunnen (letzte Fassung 1882)

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Der römische Brunnen

(man achte auf die Komma-Setzung, die die Betonung und Wertung ergibt)
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Der römische Brunnen (1870) 
 
Der Springquell plätschert und ergießt
sich in der Marmorschale Grund;
die, sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Rund.

Und diese gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und alles strömt und alles ruht.

Der Brunnen (1869)
Der Springquell plätschert und erfüllt
Die Schale, daß sie überfließt;
Die steht vom Wasser leicht umhüllt,
Indem sie's in die zweite gießt;
Und diese wallt und wird zu reich
Und gibt der dritten ihre Flut,
Und jede gibt und nimmt zugleich,
Und alles strömt und alles ruht.

Der Brunnen (1865)

In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet von dem harten
Geleucht der Mittagssonne,
Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.

Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte
Und voll ist diese wieder,
Sie fluten in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich

Der schöne Brunnen (1864)

In einem römischen Garten
Weiß ich einen schönen Bronnen,
Von Laubwerk aller Arten
Umwölbt und grün umsponnen.
Er steigt in lichtem Strahle,
Der unerschöpflich ist,
Und plätschert in eine Schale,
Die golden wallend überfließt.

Das Wasser flutet nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder,
Es flutet in die dritte:
Ein Geben und ein Nehmen
Und alle bleiben reich.
Und alle Stufen strömen
Und scheinen unbewegt zugleich.

Rom: Springquell (1860)

Es steigt der Quelle reicher Strahl
Und sinkt in eine schlanke Schal'.
Das dunkle Wasser überfließt
Und sich in eine Muschel gießt.
Es überströmt die Muschel dann
Und füllt ein Marmorbecken an.
Ein jedes nimmt und gibt zugleich
Und allesammen bleiben reich,
Und ob's auf allen Stufen quillt,
So bleibt die Ruhe doch im Bild. 

Freitag, 4. Januar 2013

Eselei

Die beiden Esel


Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:
"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"

Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.


Christian Morgenstern

Die beiden Esel.  Foto: Didier Derrien / Pixelio
Englisch von Max Knight 


The Two Donkeys

A brooding donkey one day said

to his devoted lawful mate:

"I'm such an ass, you're such an ass,

We ought to kill ourselves, my lass."

But as it goes of often in life,

he's still around, and so's his wife.



Russisch von Viktor Toporov (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors) 


ОСЛЫ

Заветную осел угрюмый

Супружнице поведал думу:

"И ты глупа, и я глупец.

Не помереть ли наконец?"

От этой мысли им обоим

Живется дальше как героям.




Quelle: christian.morgenstern.de



Dienstag, 1. Januar 2013

Die goldene Gabe der Selbsterkenntnis


Der Weg der Selbsterkenntnis führt über Leiden ans Licht.   Foto: Marianne J./Pixelio

Die goldene Gabe der Selbsterkenntnis

Selbsterkenntnis, goldne Gabe,
wunderbare, jungende Kraft!
o solang ich dich nur habe,
glüht mein Geist noch unerschlafft.

Immer tiefer, immer wahrer
machst du den, der dich besitzt;
wirkst zugleich, dass immer klarer
Welterkenntnis ihn durchblitzt.

Christian Morgenstern




Montag, 10. Dezember 2012

Laotse - Wahre Worte


Wahre Worte sind nicht schön    

Wahre Worte sind nicht schön
Schöne Worte sind nicht wahr
Jene, die gut sind, streiten nicht
Jene, die streiten, sind nicht gut.
Jene, die wissen, haben kein breites Wissen
Jene, die breites Wissen haben, wissen nicht

Weise häufen nicht an
Je mehr sie anderen helfen, desto mehr haben sie
Je mehr sie anderen geben, desto mehr erhalten sie
Das Tao des Himmels
Nützt aber schadet nicht
Das Tao der Weisen
Hilft aber streitet nicht


Laotse, Tao Te King, Kap.81

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Die Wiedergeburt des Göttlichen - der Weg des Kommenden



Das Rote Buch von C. G. Jung


Was bedeutet es, wenn gerade in der jetzigen Zeit, fast 50 Jahre nach dem Tod des Psychoanalytikers C. G. Jung, die Faksimile seines bisher geheim gehaltenen Traumtagebuchs erscheint, ein gewaltiges Werk, sowohl in Größe und Gewicht, als auch inhaltlich? Niemand hatte es je zu Gesicht bekommen und dennoch durchzieht es alle seine Werke, er selbst nannte es den „Urstoff seines Schaffens": ein Vermächtnis, in seiner Art einzigartig und prachtvoll - ein Buch voller Schönheit in Sprache, künstlerischer Darstellung und innerer Vision. 

Amor triumphat!
C. G. Jung selbst legte dieses Werk in Form alter Prophezeiungen nieder, handschriftlich auf Pergament - ein in rotes Leder gebundenes Buch - das er sich eigens zu diesem einzigen Zweck hatte anfertigen lassen. Gemeint ist „Das Rote Buch" von C.G.Jung, dem Zu-Ende-Denker, dem Erfinder der „Archetypen", dem Begründer der modernen Psychoanalyse, der mit und an diesem einzigartigen Dokument 16 Jahre lang gedacht, geschrieben und gearbeitet hat.

Jungs Fragen nach dem Seelischen blieben nicht im Sinne Freuds, mit dem er viele Jahre im engen Austausch stand, im „Woher?" stecken, in der Suche nach der Ursache in der Vergangenheit, sondern zielt mit einem „Wozu?" in Richtung Zukunft. Seine Frage lautet: „Wie wird aus dieser so gewordenen Seele eine Brücke zur Zukunft geschlagen?" Das ist nicht mehr die Frage nach Schuld, weder eigener noch die der anderen der in immerwährend unselige Beziehungen verstrickten Seelen, sondern die Suche nach ihren Möglichkeiten über Schuld und Verstrickung hinauszuwachsen in eine Zukunft. 

Sicher hat Jung nicht ohne Grund diese wunderbare alte Form gewählt für diesen „Urstoff", den er aufwendig als sorgfältige Kalligraphie auf Pergament geschrieben hat - mystisch wie eine mittelalterlich illuminierte Handschrift. Seine in Tempera sorgfältig komponierten und handgezeichneten Illustrationen, die altertümliche Schrift in blasser Tinte, die aufwendigen Initialen und liebevoll gestalteten Girlanden überzeugen von der Wichtigkeit und Liebe, die dieses Werk auch für seinen Erschaffer hatte. 

Für ihn war es eine Prophezeiung für die Menschen wie der Titel seines ersten Buches schon sagt: „Der Weg des Kommenden". Darauf folgt der Abstieg der Seele in die Hölle und die Wiedererschaffung des Selbst, die Rückkehr zum wahren Sein - die Wiedergeburt des Göttlichen im eigenen Leben. 

„Das Rote Buch" ist eine faszinierende Niederschrift für Augenmenschen und jene, die bereit sind, mit dem Autor verschmelzend auf eine Reise zu gehen in die eigene Tiefe, die das Denken ängstigt und das Herz weitet und bereit macht für eine neue Sichtweise auf alles Seiende. 





Über C. G. Jung: 

C. G. Jung, 1875-1961, war einer der größten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts. Zu Beginn seiner Laufbahn war er Schüler und Mitarbeiter Sigmund Freuds, von dessen Lehren er sich aber im Laufe seiner eigenen Forschungen und therapeutischen Tätigkeit abwandte. Zum Bruch mit Freud, der die Psychoanalyse begründet hatte. kam es 1912. Danach entwickelte Jung seine eigene „Analytische Psychologie". 

Sein Ziel war es, den Menschen ganzheitlich zu sehen, deshalb beschäftigte er sich vor allem mit den unbewussten, nicht-rationalen und transpersonalen Aspekten der Psyche. 



Artikel erschienen am 9.11.2009 in Epoch Times Deutschland


Dienstag, 20. November 2012

Morgenstern - O ihr kleinmütig Volk

Foto: sokaeiko/pixelio.de

O ihr kleinmütig Volk, die ihr vom Heute
nicht loskommt, die ihr meint: so ist es, war es
und wird es sein, solange Menschen leben.

O würdet ihr doch andrer Hoffnung Beute
und lerntet wieder schauen Offenbares
und Hirn und Herz zu höchstem Ziel erheben!

Christian Morgenstern